Doppelte Spielberechtigung im Tischtennis

Seit einigen Jahren sind die Mitgliederzahlen im Tischtennis rückläufig. Zwar zeichnet sich eine leichte Stabilisierung hinsichtlich dieses Trends ab, aber es werden weiterhin immer weniger Mannschaften, vor allem im Jugendbereich, gemeldet.

Die Leidtragenden sind, um beim Beispiel der Jugendspieler zu bleiben, hauptsächlich die kleineren Vereine und deren Nachwuchs. Viel zu oft muss ein Teenager schon bei den Herren spielen, was oftmals eine zu große Herausforderung ist. Dadurch kann schnell das Interesse am Tischtennissport verloren werden, wenn anstelle von gleichaltrigen Gegnern die destruktiv spielenden alten Herren das noch wackelige Spiel des jungen Menschen auseinander nehmen.

Die geringe Zahl der Jugendspieler macht es im Umkehrschluss für talentierte Nachswuchsspieler schwierig in die höherklassigen Jugendligen aufzusteigen, da einfach zu wenig gute Mitspieler vorhanden sind. Zwar ist dieser Jugendliche dann in den Herrenmannschaften gefordert, jedoch ist der Anreiz gegen gleichaltrige und gleichstarke Gegner zu spielen ein ganz anderer. Dadurch passiert es oft, dass gleich der gesamte Verein gewechselt wird.

Neue Möglichkeiten der doppelten Spielberechtigung im Jugend- und Seniorentischtennis

Ab nächster Saison (2016/2017) soll dem Dilemma Abhilfe geschaffen werden. Um eben einen womöglichen Wechsel eines Jugendspielers von einem kleineren Verein zu verhindern und damit dessen Jugendarbeit nicht komplett umsonst war, gibt es nun die Möglichkeit für den Nachwuchsspieler sich einem Zweitverein anzuschließen. Dadurch kann der Jugendliche weiterhin im Stammverein bleiben, meinetwegen dort im Herrenbereich spielen, und trotzdem in einer Jugendmannschaft eines anderen Vereins an den Start gehen.

Das gleiche gilt ebenso für die Seniorenspieler. Dass ein gleicher Jahrgang nicht zwangsläufig auf die gleiche Spielstärke schließen lässt, obwohl einer meiner Mitspieler meint, dass man im Seniorenalter wie guter Wein immer besser wird 😉 , ist wohl nur logisch. Nun können Senioren bei ihrem Stammverein bleiben und in einer leistungsgerechten Liga im Mannschaftssport bleiben, aber dennoch gleichzeitig für ein anderes Seniorenteam aufschlagen.

Zwei gegensätzliche Trends – Eine Lösung

Während es immer weniger Jugendspieler gibt, die im Tischtennisverein anfangen möchten, so nimmt die Anzahl der Senioren immer weiter zu. Auch im Tischtennis macht also der demographische Trend der Gesellschaft nicht halt. Interessanterweise lautet die Lösung des deutschen Tischtennisverbands für beide Trends die gleiche: Eine doppelte Spielberechtigung.

Da Seniorentischtennis, eben bedingt durch diesen Trend, immer mehr an Bedeutung gewinnt, sollen die noch eher dürftig  gehaltenen Seniorenligen ausgebaut werden. Durch die Möglichkeit eines Zweitvereins kann ein Spieler auch eine leistungsgerechte Seniorenmannschaft finden, wodurch das Interesse an der Teilnahme deutlich steigen wird.

Konsequenzen, Vorteile und kritische Gesichtspunkte der doppelten Spielberechtigung

Das ganze hat natürlich eine logische Konsequenz: Es werden mehr Mannschaften gemeldet. Das finde ich zunächst einmal gut. Die Stärkung des kleineren Stammvereins, der seinen Jugendspieler nicht komplett durch einen Wechsel verliert, kann für eine größere Bereitschaft der Jugendförderung sorgen, da Jugendarbeit nun nicht mehr als umsonst und ohne Ertrag anzusehen ist. Ich habe es oftmals erlebt, dass Vereine sauer und enttäuscht waren, ihre über Jahre trainierten Jugendspieler an andere Vereine abzugeben. In der Folge wurde dann weniger bis gar keine Jugendarbeit mehr betrieben. Fraglich ist nur, ob dieser Jugendspieler später nicht doch komplett wechselt, wenn dieser im Zweitverein mehr Perspektive sieht.

Im Seniorentischtennis sehe ich eine größere Abgrenzung zum normalen Mannschaftssport als zuvor. Durch die zunehmende Bedeutung kann der Seniorenwettbewerb ernster genommen werden. Wenn gleichstarke Mitspieler einer Mannschaft zusammenkommen, können klarer definierte Ziele bei der Teilnahme an den Wettbewerben getroffen werden.

Bedenklich stimmen mich trotzdem einige Gesichtspunkte.

Zu aller erst sehe ich, und dies trifft allen voran bei den Jugendlichen zu, einen großen Identifikationskonflikt zwischen dem Stammverein und dem Zweitverein. Es fängt ja schon allein bei den Trainingsinhalten an. Meinetwegen hat der Jugendtrainer des Zweitvereins andere Vorstellungen als der Trainer im Hauptverein. Dann stellt sich mir auch die Frage, wo der Jugendliche trainieren soll. Dieser kann schließlich nicht 5-mal die Woche Tischtennis spielen. Trainiert dieser aber nur bei einem der beiden Vereine, so fehlt der zwischenmenschliche Anschluss zu den Mitspielern des anderen Vereins. In meiner Jugendzeit wurde ich schon schief angeschaut, wenn ich nur mal auswärts trainiert habe. Es wird ja immer von dem rational denkenden Menschen ausgegangen, aber in der Realität spielen Emotionen eine große Rolle. Und was denken die anderen Jugendspieler, falls einer in der Jugendmannschaft eines anderen Vereins spielt?

Ein weiterer Punkt ist die größere terminliche Belastung. Sowohl Jugendspieler als auch Senioren müssen bei der Teilnahme an Mannschaftspielen zweier Vereine einen größeren Aufwand betreiben. Und nun könnte man argumentieren, dies wäre auch so, wenn diese Spieler im gleichen Verein in beiden Wettbewerben antreten. Allerdings ist die Mitgliedschaft in einem zweiten Verein, womöglich mit einer längeren Anfahrt, ein ganz anderes Kaliber. Ebenso wird die Vorbereitung kommende Wettkämpfe gestört und es kommt auch dort zu Überschneidungen, ist der Trainingstag am gleichen Wochentag bzw. zu höherer Belastung, wird an zwei Abschlusstrainings teilgenommen. Dass die Punktspiele am gleichen Tag oder gar zur gleichen Uhrzeit stattfinden, wird eher selten vorkommen, aber wenn doch, wo wird dann gespielt? Das sind alles koordinative Fragen, die im Einzelfall gar kein Problem darstellen oder voll zutreffen.

Als mich die Meldung erreicht hat, dass ab kommender Spielzeit eine doppelte Spielberechtigung für Jugendliche und Senioren möglich ist, so habe gleich an eines gedacht: Mehr Mannschaftsmeldungen -> mehr Kohle für die Verbände. Ich weiß, vielleicht habe ich da im ersten Moment überkritisch gedacht. Jedoch kann mir niemand von den zuständigen Personen, die diese Änderung beschlossen haben, sagen, dass es nicht zumindest im Hinterkopf eine Rolle gespielt hat. Die schrumpfende Zahl der Mitglieder im Tischtennis hat sicherlich zu weniger Einnahmen geführt. Zudem kann auch die Statistik etwas aufpoliert werden, wenn wieder mehr Mannschaften gemeldet werden können.

Fazit

Die doppelte Spielberechtigung im Jugend- und Seniorenbereich ist im eigentlichen Sinne eine gute Idee. Der Nebeneffekt der höheren Anzahl der gemeldeten Mannschaften wird gerne mitgenommen.

Das eigentliche Problem wird aber nicht gelöst. Wir haben immer mehr alte Tischtennisspieler. Und wir haben immer weniger Jugendliche. Die doppelte Spielberechtigung Pakt das eigentliche Problem, eine Lösung für diesen negativen Trend zu finden, nicht an der Wurzel, sondern schiebt die Folgen nur hinaus und beschönigt zudem die Statistiken – und zwar gleich doppelt!

Weitere Quellen:

Erklärung-zur-doppelten-Spielberechtigung im Tischtennis (PDF)

Ausführliche Informationen zur doppelten Spielberechtigung (BTTV)

Spielberechtigung für zweiten Verein (myTischtennis)

3 Gedanken zu “Doppelte Spielberechtigung im Tischtennis

  1. Hast du Quellen zu deiner Aussage „Ab nächster Saison (2016/2017) soll dem Dilemma Abhilfe geschaffen werden.“?
    Würde gerne mal das genauer nachlesen.
    Vor allem im Bezug auf die Senioren.

    • Hallo maTTes,

      habe ein paar Quellen dem Text hinzugefügt. In Bezug auf den Seniorenspielbetrieb findest du am Ende des Artikels des BTTV nochmal einen gesonderten Beitrag.

      Gruß,

      Marcel

      • Prima, vielen Dank.
        Aber okay, dann scheint mein Wunsch leider damit nicht abgedeckt zu sein:
        – Spielen bei den Herren zuhause
        – Spielen bei den Herren beim Zweitverein im anderen Bundesland, wenn ich beruflich unterwegs bin

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