Gehen wirklich die stärksten Chinesen zu Olympia?

Die Nominierungen für die Olympischen Sommerspiele in Rio sind bereits getroffen. Durch die Limitierung auf lediglich zwei Startplätze im Tischtennis Einzelwettbewerb mussten vor allem beim chinesischen Nationalteam schwere Entscheidungen getroffen werden.

Seit Jahren dominieren die Ausnahmekönner aus dem Reich der Mitte sowohl den Damen- als auch den Herrenwettbewerb bei allen großen Turnieren. Die letzten beiden, die in die chinesische Vorherrschaft eindringen konnten, waren Werner Schlager bei der Einzelweltmeisterschaft 2003 und Überraschungs-Olympiasieger Ryu Seung Min 2004 in Athen.

Aber seitdem werden die Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele im Tischtennis von den chinesischen Seriensiegern dominiert.

Einzelweltmeister Ma Long und Olympiasieger Zhang Jike bei den Herren am Start

Ma Long Aufschlag Japan Open 2016
Ma Long

Bei der aktuellen Nummer eins der Welt und dem Weltmeister des Jahres 2015, Ma Long, war die Nominierung völlig nachzuvollziehen, befindet sich Ma Long doch schon seit längerer Zeit in Topform. Spätestens seit dem Umstieg auf den Plastikball im Spitzensport ist meist kein Kraut gewachsen gegen die beidseitig enorm schnellen Topspins und Gegentopspins des Branchenprimus.

Bei Zhang Jike war die Nomierung eher der Vergangenheit als der Gegenwart geschuldet. Von 2011 bis 2014 konnte Zhang Jike eine erstaunliche Bilanz aufweisen: Einzelweltmeister 2011 und 2013. Einzelgold bei den Olympischen Spielen von London 2012. Worldcupsieger 2011 und 2014.

Leider wurde er durch einige Verletzungen etwas zurückgeworfen und ist aktuell nur die Nummer 4 der Weltrangliste. Seine Kontrahenten, allen voran der Penholderspezialist Xu Xin und Youngstar Fan Zhendong, haben ihm in letzter Zeit eigentlich den Rang abgelaufen. Bei den diesjährigen Japan Open, die vergangenes Wochenende liefen, konnten beide Ma Long oder Zhang Jike jeweils in den Halbfinals schlagen.

Gleiches Bild bei den Frauen: Entscheidung für Einzelweltmeisterin Ding Ning und Olympiasiegerin Li Xiaoxia

Ding Ning und Li Xiaoxia
Ding Ning und Li Xiaoxia

Auch im Damenwettbewerb tritt beispielsweise nicht die aktuelle Nummer eins der Welt und frischgebackene Japan Open Siegerin 2016 Liu Shiwen an, übrigens im Finale ein 4:2 über Ding Ning, sondern die amtierende Olympiasiegerin Li Xiaoxia, was noch überraschender war, als die Nomierung von Zhang Jike im Herrenwettbewerb.

Die Entscheidung für Ding Ning und Li Xiaoxia ist weniger der guten Ergebnisse gegen die eigenen Mitspielerinnen geschuldet, aber vielmehr daraus begründet, dass gegen die Nichtchinesinnen konstanter gespielt wird. Und da hat sich Liu Shiwen wohl den einen oder anderen Wackler zu viel geleistet in den vergangenen Monaten.

Gegen die Nichtchinesen muss gewonnen werden

Liu Guoliang
Liu Guoliang

Die Marschroute der Coaches Liu Guoliang und Kong Linghui ist also ganz klar. Die Finalspiele sollen jeweils zwei Chinesen bestreiten. Wer am dann am Ende gewinnt ist völlig egal.

Man kann sich nun an dieser Stelle fragen, warum es überhaupt noch eine Weltrangliste gibt, wenn bei einem so wichtigen Wettbewerb wie den Olympischen Spielen nicht die aktuell besten Athleten und Athletinnen auflaufen dürfen.

Trainer Liu Guoliang weist in einem Interview diese Anschuldigungen zurück und schiebt den schwarzen Peter der ITTF zu, die, bedingt durch die jahrelange chinesische Dominanz, die Einzelstartplätze auf zwei Pro Nation in der Vergangenheit beschränkt hat.

Die Qual der Wahl und die Leidtragenden: Wir Zuschauer und einzelne Athleten

Ich denke, dass jeder Verband harte Entscheidungen treffen muss, doch wenn ich mir die Olympischen Spiele als Fan anschaue, dann erwarte ich die besten Tischtennisspieler und Tischtennisspielerinnen zu sehen. Es ist einfach schade, wenn ein TOP 10 Spieler, der jahrelang atemberaubendes und spektakuläres Tischtennis uns bietet, nicht zu Olympia gehen darf oder nur im Mannschaftswettbewerb mit seinem Können aufblitzen kann.

Wahrscheinlich spielen so nicht die besten Tischtennisspieler bei den diesjährigen Olympischen Spielen mit. Dadurch geht der olympische Gedanke etwas verloren.

Mein Vorschlag wäre es, zumindest drei Spieler pro Nation eine Teilnahme im Einzelwettbewerb zu garantieren, sofern diese sich durch die Weltrangliste qualifizieren. Es mag sein, dass dann alle Medallien an eine Nation gehen. Aber die besten der Welt stehen auf dem Treppchen und müssen nicht auf der Tribüne oder von zu Hause aus zuschauen. Und diese Spieler und Spielerinnen haben sich das auch verdient.

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