Klassische Tischtennisbeläge und deren Bedeutung

Klassische Tischtennisbeläge sind noch heute oftmals auf vielen Schlägern in der Tischtennnisszene zu finden. Und das hat seinen Grund. Denn für die meisten Tischtennisspieler reicht das Tempo und die Rotation vollkommen aus.

Doch der Zug der Zeit ist weiter gefahren. Spätestens mit dem Verbot des Frischklebens ist Anzahl der Klassiker-Spieler jedes Jahr kleiner geworden. Auch viele, die früher nicht geklebt haben, steigen immer häufiger auf Tensoren oder Japan FKE Beläge um.

Die Vorteile an Rotation und Geschwindigkeit, aber vor allem der unterstüzende Katapulteffekt, machen das Spielen eben leichter.

Tischtennis hat sich ebenso verändert. Früher wurde doch mehr geschupft, geblockt und passiv gespielt. Wer heute noch mehr als zwei Bälle in Folge mit Unterschnitt spielt, gehört schon zu einer aussterbenden Art.

Das Problem ist schon beim Nachwuchs zu sehen. Viel zu früh wird auf Beläge wie Tenergy, Tibhar Evolution oder Donic Bluefire umgestiegen, noch ehe eine stabile und breit gefächerte Schlagtechnik vorhanden ist. Das Verständnis für Rotation wird vernachlässigt, da mit den viel zu schnellen Belägen die Bälle trotzdem übers Netz gespielt werden können.

Außerdem – Wer will schon zum alten, eingestaubten Klientel der Klassikerspieler gehören? Oder pro Satz den einen Traumschlag verpassen? Ist ja langweilig nur die „kleinen“ Punkte zu holen. Gewinnen? Nur wenn der Gegner mit brachialer Gewalt und zischenden Topspinschlägen vernichtet wurde.

Früher, als Klassiker noch modern waren

Yasaka Mark V, Sport Schreiner Katalog 00/01

Als 1959 die reinen Schwammbeläge verboten wurden und eine Begrenzung der maximalen Belagstärke auf 4mm festgelegt wurde, hat die ITTF ebenso bestimmt, dass ein Tischtennisbelag entweder nur aus Noppengummi mit maximal 2,0mm Gesamtdicke oder aus einem Noppengummi und einer Schwammunterlage bestehen muss.

Es war die Geburtsstunde der heutigen Sandwichbeläge. Nicht lange danach wurde der legendäre Butterfly Sriver im Jahr 1967 herausgebracht, welcher bis heute einer der bekanntesten Tischtennisbeläge ist. 1969 folgte der ebenso bekannte Yasaka Mark V („Five“).

Stellan Bengtsson, erster schwedischer Einzelweltmeister

Mit letzterem wurde Stellan Bengtsson anfang der 70er Jahre mehrfacher Weltmeister (im Einzel 1971, im Team und im Doppel jeweils 1973) und Europameister (im Einzel 1972, im Team jeweils 1970 und 1972).

Ende der 80er Jahre bis Mitte der 90er Jahre dominerten die schwedischen Tischtennislegenden um Jan-Ove Waldner und Jörgen Persson die Tischtennisszene und holten viele Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und einen Olympiatitel (Jan-Ove Waldner im Einzel 1992).

Auch diese spielten mit klassischen Tischtennisbelägen, welche durch Frischkleben behandelt wurden.

1998 – Die Tensortechnologie wird entwickelt

Den Anfang vom Ende der Dominanz der klassischen Tischtennisbeläge würde ich, aus heutiger Sicht, auf das Jahr 1998 legen. Damals konnte natürlich niemand vermuten, dass sich Tensorbeläge so dominant am Markt durchsetzen würden. Regeländerungen des internationalen Tischtennis Verbandes ITTF und Vertriebsstrukturen eines gewissen Marktführers sollten dazu führen.

Schon 1995 war die Firma ESN aus Hofheim in Unterfranken auf einen chemikalischen Effekt gestoßen, eine organische Substanz einer Feder gleich zwischen die Kautschukmoleküle der Tischtennisbeläge zu integrieren. Dadurch konnte mehr gespeicherte Energie auf den Ball beim Schlag übertragen werden.

Der erste Tensorbelag kam dann 1998 auf den Markt. Heute spielen laut Angaben von ESN 75% aller Tischtennisspieler mit dieser Belagtechnologie auf dem Schläger.

Das Frischklebeverbot 2008 und die Tenergy Revolution

Jan-Ove Waldner beim Frischkleben

Zwar waren die Tensortechnolgie und andere FKE eine interessante Alternative für die Tischtennisspieler, doch durchsetzen konnten sich die modernen Beläge gegenüber den frischgeklebten Klassikern lange nicht.

Spitzenspieler wie Timo Boll klebten weiter fleißig die Klassiker um Sriver und Co., bis die ITTF letztendlich den lösungsmittelhaltigen Klebern einen Riegel vorschob.

Und wieder war es die Tischtennisfirma Butterfly, einziger ernstzunehmender Konkurrent für ESN in Sachen Herstellung moderner Tischtennisbeläge, die mit dem Tenergy 05 den ersten und bis heute womöglich besten Tischtennisbelag herausgebracht haben, der ohne Frischkleben auskommt.

Aber auch ESN brachte viele gute Tischtennisbeläge mit immer weiter verbessertem Tensoreffekt durch die diversen Tischtennismarken auf den Markt. Allen voran dominieren Tibhar Evolution, Donic Bluefire oder Xiom Vega Beläge den Tischtennismarkt. In Japan ist die Nittaku Fastarc Belagreihe, ebenfalls ein Produkt Made in Germany, besonders beliebt.

Die heutige Bedeutung von Belag-Klassikern und deren Vorteile

Wie ihr sehen könnt, hat sich in den letzten Jahren viel getan auf dem Belagsektor, während es einige Jahrzehnte kaum Innovation gab.

Doch jetzt muss sich einfach die Frage gestellt werden, welche Bedeutung und Vorteile Klassiker eigentlich haben. Denn neben den moderen Klassikern von ESN, die ebenfalls keinen FKE besitzen, haben die Marken mit den Belagneuheiten 2016 und 2017 einen weiteren Konkurrenten auf den Plan gerufen: Die Leichtspieltensoren mit reduziertem FKE.

Die Vorteile von klassischen Tischtennisbelägen

Donic Coppa, Sport Schreiner Katalog 00/01

Für Einsteiger und absolute Allrounder, würde ich aber weiterhin klassische Tischtennisbeläge empfehlen. Denn ohne FKE besitzen die Tischtennisbeläge kaum eigenen Katapult, wodurch das Grundtempo niedrig ist. Dadurch können Klassiker sehr viel Kontrolle aufweisen.

Weiterhin eignen sich Klassiker für das Erlernen von Schlagtechniken. Während Tensorbeläge schon viel Arbeit abnehmen können, muss mit einem Klassiker einfach deutlich mehr eigener Armzug und eine saubere Technik gespielt werden.

Ist das jetzt nicht ein Nachteil? Nein, denn Tensorbeläge, insbesondere die weichen Katapultmonster, können mit ihren Eigenschaften Technikfehler bis zu einem gewissen Level kaschieren. Beispielsweise ist nur eine halbe Schlagbewegung notwendig, um den Ball übers Netz zu spielen. Es schleicht sich mit der Zeit eine falsche Schlagtechnik ein, die das Steigern der eigenen Spielstärke verhindert und ab einem gewissen Niveau sehr hinderlich ist.

Unverwüsstlich – Sriver FX & Grubba All+

Im passiven Spiel sind auch einige Vorteile ausmachbar. Schupfbälle und Blockbälle können sicherer gespielt werden. Die Ballflugkurve ist flacher als mit den Tensoren, wodurch die Spinanfälligkeit geringer ausfällt.

Ein Nebeneffekt der Spannungssteigerung bei FKE Belägen ist die deutlich schlechtere Haltbarkeit gegenüber Klassikern. Die robusten Obergummis von den traditionell hergestellten Belägen überdauern bei entsprechender Pflege mehrere Saisons.

Ich habe einen Allroundschläger für Jugendliche in meiner Tasche, der mit Sriver FX Belägen aus dem Jahr 2004 belegt ist. Die Griffigkeit und Spieleigenschaften sind bis heute einwandfrei 😉

Ein altes Grubba All+ kommt als Holz zum Einsatz. Das einzig neue an dem Tischtennisschläger ist das Kantenband, welches ich austausche, wenn ich mal wieder die Beläge neu aufkleben muss.

Und zu guter letzt spielt ja auch der Preis eine Rolle. Die meisten Klassiker sind, vor Rabatten, um die 30€ zu haben. Tensorbeläge kosten dagegen durchschnittlich 45€ UVP. Butterfly Tenergy Beläge beistzen sogar einen stattlichen Preis von 56,90€ (nicht rabattfähig!).

Fazit zu den Klassikern

Haben klassische Tischtennisbeläge eine Zukunft? Definitv. Zwar wird unser Sport immer schneller und dynamischer, aber Anfänger und Allrounder wird es auch immer geben. Ebenfalls auf einer schwachen Schlagseite, beispielsweise der Rückhand, ist ein klassischer Tischtennisbelag meistens die bessere Wahl.

Werden dennoch viele Tensorbeläge vorziehen? Auch klar. Die Leistungsfähigkeit von Tensoren und FKE Belägen ist deutlich höher. Ambitionierte Tischtennisspieler, die das letzte aus sich und ihrem Material herausholen möchten, kommen an den modernen Tischtennisbelägen nicht vorbei.

Die Lücke zwischen den tempo- und spinmaximierten FKE Belägen und den Klassikern könnten die Leichtspieltensoren in Zukunft noch deutlicher füllen, was zum einen Klassiker-Spieler zum Umstieg verleitet, aber auch im Tensor-Belagmarkt für eine Umverteilung zu kontrollierterem Material sorgen kann.

Oder das Ganze könnte auch einen Zwischenschritt für die Rückkehr auf einen kontrollierten Klassiker um Mark V, Coppa oder Sriver möglich machen. Wer weiß das schon so genau 😀

Weitere Artikel zur Beitragsserie Klassikerwochen:

  1. Klassikerwochen auf tt-spin.de
  2. Klassische Tischtennisbeläge und deren Bedeutung
  3. Das meistverkaufte Tischtennisholz: Stiga Allround Classic im Test
  4. Vorteile von klassischen Tischtennishölzern
  5. Sriver, Mark V oder Coppa? – Auf der Suche nach dem besten klassischen Tischtennisbelag
  6. Die modernen klassischen Tischtennisbeläge
  7. Der große Klassiker Belagtest
  8. Butterfly Primorac im Wandel der Zeiten
  9. Klassische Tischtennisschläger für Einsteiger, Jugendliche und Allrounder
  10. Klassiker vs. Chinabelag
  11. FAQ und Fazit zu den Klassikern

17 Gedanken zu “Klassische Tischtennisbeläge und deren Bedeutung

  1. Hallo Marcel,
    wieder ein schöner Bericht, diesmal aus der „guten alten Zeit“ 😉
    Aber: Zitat …die ITTF ebenso bestimmt, dass ein Tischtennisbelag aus einem Noppengummi und einer Schwammunterlage bestehen muss.
    Ist das so richtig? Es gibt doch auch die OX-Beläge. Oder verwechsele ich da etwas?
    Grüße aus Kiel
    Dieter

    • Hallo Dieter,

      war eine „schwammige“ Aussage, da ich nur die Klassiker im Sinn hatte. Habe es korregiert 😉 Natürlich gibt es auch reine Noppenbeläge 😀

      Gruß,

      Marcel

  2. Ich schliesse mich da an. Super ge- und beschrieben. Leider ist meine aussterbende Art der Abwehrspieler gar nicht berücksichtigt. Wir haben auch seit Jahren oder gar Jahrzehnten DIE Klassiker auf der Kelle. Allerdings habe ich das Gefühl, dass hier die Hersteller mit der Weiterentwicklung aufgehört haben. Stattdessen werden die „moderne Abwehrer“ gezüchtet, die mit Tensorbelägen auf der Vorhand aus allen Lagen dagegen gehen sollen. Und manche Klassiker wurde so überarbeitet, dass sie jeglichen Charakter von damals verloren haben … siehe Tackiness C.

    • Hallo Ditozi,

      das ist ein Punkt, was ich auch gesehen habe, weshalb die Abwehrklassiker nicht im Test mit eingebaut wurden. Viele wurden verändert/ angepasst für den 40mm Ball oder werden es noch für den Plastikball.

      Zum anderen unterscheiden sich die Spieleigenschaften deutlich von den anderen Klassikern und irgendwo musste ich eine Grenze ziehen.

      Wenn es das Budget erlaubt und ich noch Zeit finde, dann schiebe ich einen Bericht zu den Abwehrklassikern wie Butterfly Tackiness, Tibhar Super Defense, Donic Slice oder S&T Secret Flow noch nach. Mir macht es sehr viel Spaß in der Abwehr herumzusensen 😉 Aber versprechen kann ich es nicht, da ich eigentlich nicht mehr Geld ausgeben wollte, als der Blog einnimmt. Und das ist mit den Neuheiten und jetzt den Klassikern eigentlich aufgebraucht. Und leider haben die wenigsten Tischtennisfirmen Interesse an Produkttests. Beispielsweise hat Tibhar den Aurus Prime und Select zur Verfügung gestellt.

      Hier mal ein Bild von dem, was euch zu erwarten hat 😉
      Tischtennis Klassiker

      Gruß,

      Marcel

  3. Daumen hoch für Dich Marcel!
    Sehr schön geschrieben, wie eh un jeh 🙂
    Ich freue mich schon auf weiteres der Klassiker, bin auch immer wieder hin und her gerissen, mal ein paar Monate eine „Klassiker-Kur“ zu machen um Technik und Power zu verbessern…
    Vielleicht gehst Du auf das Thema ja noch ein, bin nämlich auch schon arg an den FKE Effekt gewöhnt 😉

    • Hallo Svennie,

      danke dir für dein Lob 🙂

      Ja, eine Klassikerkur ist von Zeit zu Zeit nicht schlecht. Allein deshalb machen die Klassikerwochen auch für mich Sinn 😉

      Ein schwieriges Thema, dass auch viel mit Technik und Training zu tun hat. Mein Fokus hier liegt auf dem Material bzw. auf selbiger Sichtweise. Weiß noch nicht, ob ich dazu auch etwas bringe. Ich weiß nur, dass viele froh sind über die Tensoren, da mit Klassikern einfach mehr geackert werden muss. Und wenn jemand sich nicht mehr verbessern möchte, dann fehlen die Argumente wieder auf ein langsameres Material zurück zu kehren.

      Fast. Mir fehlen noch drei. Aber das ist nicht schlimm, denn ich kann sowieso nicht mehr als 4-6 Beläge pro Einheit sinnvoll testen.

      Gruß,

      Marcel

  4. Ehre wem Ehre gebührt!
    Vielleicht mache ich die Kur mal im Sommer, aber auf jeden Fall auf meinem Spielholz, weiß nur noch nicht was ich nehme, dachte an Mark V auf der Vorhand und einen Coppa auf der Rückhand, vielleicht auch Vario, oder oder oder…
    Das stimmt leider mit dem Tensor kann man auch einfach mal „Hinhalten“ und der Ball kommt trotzdem rüber.

    Welche fehlen Dir denn genau?

    Gruß

    Sven

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