Die optimale Ballflugkurve eines Tischtennisbelags

Die Ballflugkurve bzw. der Absprungwinkel eines Tischtennisbelags ist eine viel diskutierte und schwer zu definierde Größe, wenngleich wichtige Eigenschaft, die ein Tischtennis Belag aufweist. Dass dies auch bei Profispielern eine umstrittene Belageigenschaft ist, zeigt die Aussage von Paul Drinkhall (WR 60, Mai 2016):

„When people talk about ‚throw angle‘, it’s really hard to rate and you should be aware of anybody that does a review and gives a definite rating for this. The reason is that it depends on your stroke, how you contact the ball, your timing point etc – these are individual things and the bat is in YOUR hand! All I can say is that I always tell people to test the rubbers themselves for this reason following on from any recommendation. That way you can see how you like the rebound of the rubber and how it suits your style of play.“

Ich habe sehr viel über diese Aussage nachgedacht und ich muss dem ganzen zumindest teilweise zustimmen. Die Abhängigkeit von der Spielstärke, Spielholz und der Schlagtechnik sind nicht hinweg zu diskutieren. Deshalb entstehen auch immer unterschiedliche Eindrücke und in den Foren herrscht Uneinigkeit über das Thema Ballflugkurve.

Der Begriff der optimalen Ballflugkurve

Obwohl diese Argumente nicht hinweg zu diskutieren sind, sehe ich das trotzdem differenzierter. Zum Beispiel kann ich auch mit einem Chinabelag eine sehr hohe Ballflugkurve erzeugen, schließlich folgt der Ball der Schlagrichtung tangential getroffen sehr genau, was kaum verwundert, ist ein Chinabelag auch sehr hart und griffig. Allerdings ist so eine hohe, kurze Flugkurve sehr ineffektiv. Der optimale Schlagwinkel und Armzug ist deutlich flacher und nach vorne gerichtet, wodurch das volle Spinpotential, Tempo und Dynamik zur Geltung kommen. Nicht umsonst werden deratige Beläge für ein kompromissloses Angriffsspiel verwendet.

Ballflugkurve nicht optimaloptimale Ballflugkurve

Wie wir gesehen haben, kann selbst ein Chinabelag eine sehr hohe Flugkurve erzeugen. Es stellt sich nur die Frage nach der optimalen Verwendung. Jeder Belag besitzt eine Flugkurve, die für die individuellen Spieleigenschaften des Belags optimal zu sein scheint. Diese nenne ich die „optimale Ballflugkurve“. Es ist also diejenige Flugkurve, die die Eigenschaften des Tischtennisbelags am besten ausreizt.

Die Variabilität

Es gibt dabei spezielle Beläge, die aufgrund ihrer Ballflugeigenschaften nur bestimmte Schlagtechniken zulassen bzw. es sind nur bestimmte Schlagtechniken sinnvoll. Zudem gibt es aber auch Tischtennisbeläge, die aufgrund der Ballflugkurve sowohl langsame, nach oben gezogene Topspins als Eröffnung als auch schnelle, mehr von hinten nach vorne gezogene Topspins oder Schlagspins zulassen. Dabei spreche ich von der „Variabilität der optimalen Ballflugkurve“. Jedem Tischtennisbelag kann ein bestimmter Variabilitätsgrad zugeordnet werden. Dieser sagt zudem darüber aus, inwiefern ein Belag für die Breite Masse, also eine große Vielzahl von Spielern, geeignet ist.

Das ganze erinnert mich stark an den Tenergy 05 und dessen weltweiten Erfolg. Der T05 sorgt schließlich bei von unten gezogenen Topspins für eine schöne, hohe und lange Flugkurve, während bei sehr flach getroffenen Topspins der Ball zwar früh nach unten dreht, aber immer noch locker über das Netz fliegt.

Bisher habe ich bei den ganzen Überlegungen nur den Topspin betrachtet, welcher wohl für Angriffsspieler der wichtigste Schlag im Tischtennis ist und meistens als Gradmesser dient, ob ein Belag geeignet ist oder nicht. Doch natürlich gibt es andere Schlagarten im Tischtennis, die allesamt unterschiedliche Ballflugkurven hervorrufen, sei es der Block, der Konterball, das Schussspiel, der Aufschlag oder der Unterschnittball. Letzterer ist im passiven Spiel sehr wichtig.

Daher ist es für das Gesamtpaket eine Tischtennisbelags wichtig, auch die Ballflugkurve bei diesen Schlägen zu betrachten. Ich spreche hierbei von der „interdisziplinären Variabilität der optimalen Ballflugkurve“. Ein Belag, der alles kann und universelle Eigenschaften und Ballflugeigenschaften mit sich bringt. Das bringt mich gleich auf den andro Hexer Duro, der bei allen Schlägen eine gute Performance hervorbringt, aber eben nur gut.

Was die Tischtennisindustrie uns einreden möchte, aber in Realtität anders herum ist, ist die Tatsache, dass wir uns mehr unserem Tischtennismaterial anpassen, als wir uns eingestehen würden. Denn wir müssen es und das geschieht ganz automatisch. Um dem entgegen zu wirken hat jeder Hersteller mittlerweile eine riesige Auswahl an Tischtennisbelägen herausgebracht. Natürlich kann ich nun ganz viele verschiedene Beläge kaufen und testen, um den passenden Belag für mein Spiel zu finden. Letztendlich muss das eigene Spiel auch an diesen Belag angepasst werden, denn es gibt immer einen bestimmten Schlag, der bei den vorhandenen Ballflugeigenschaften nicht optimal für unser Spiel ist.

Auf den Punkt gebracht

Jeder Tischtennisbelag hat ein optimales Nutzungsfenster. Je stärker unsere Fähigkeiten und Technik davon abweichen, desto mehr hängt es vom Variabilitätsgrad der optimalen Ballflugkurve und der interdisziplinären Variabilität ab, ob wir mit einem Belag gut spielen können oder nicht.

Es gibt Beläge, die nur ganz bestimmte Stärken haben und auf ganz bestimmte Schlagtechniken abzielen. Der Variabilitätsgrad ist sehr gering. Dann gibt es TT-Beläge, die für einen bestimmten Spielertyp alle Anforderungen erfüllen, wie es zb. der Tenergy 05 für den Topspinangreifer macht. Und es gibt Beläge, die universelle Spieleigenschaften besitzen und alles gut können, aber eben nur gut.

Die traditionell bekannten Spieleigenschaften, wie Tempo, Rotation oder Kontrolle, sind meiner Meinung nach nur Puzzlestücke für die Zusammensetzung der Ballflugkurve eines Tischtennisbelags. Tischtennismarken, die das in Zukunft am besten kommunizieren, z.B. durch die Diagramme der technischen Ballflugkurve auf der Belagverpackung oder als Youtube Video in einem Tutorial, werden viele Käufer für sich gewinnen, die aufgrund der Belagflut unentschlossen sind. Denn es ist unwahrscheinlich, dass eine Tischtennismarke durch eine grundlegende technische Überlegenheit gegenüber der Konkurrenz momentan punkten kann. Da ist es wichtig, die richtigen Anhänger für die unterschiedlichen Beläge zu gewinnen, die sich nur in der Auslegung von denen anderer Marken unterscheiden.

Fazit zur optimalen Ballflugkurve eines Tischtennisbelags

Bei der Suche nach der optimalen Ballflugkurve stehen meistens die Angriffseigenschaften im Vordergrund. Um einen Ausgleich zu den extrem auf Topspin getrimmten Ballflugeigenschaften zu finden und auch den Flugeigenschaften im passiven Spiel genüge zu leisten, werden häufig schnelle Beläge in 1,8-2,0mm Schwammstärke gewählt, anstatt der maximalen Dicke. Dadurch wird die interdisziplinäre Variablität der Ballflugkurve automatisch verbessert. Im Gegensatz dazu findet man auch häufig langsame Beläge oder Softbeläge in maximaler Schwammstärke oder mit einen sehr schnellen Offensivholz kombiniert, was den gleichen Effekt in umgekehrter Richtung hat.

Wer jetzt denkt, dass ich keine anderen Erklärungen mehr gelten lasse und nur noch die Ballflugkurve als höchstes Merkmal eines Tischtennisbelags sehe, der liegt falsch. Aber mit den Begriffen „optimale Ballflugkurve“, „Variabilität der Ballflugkurve“ bei einem bestimmen Schlag oder der „interdisziplinären Variabilität der Ballflugkurve“ lässt sich ein Tischtennisbelag sehr gut beschreiben und das auch objektiv nachvollziehbar. Wie das ganze gemessen werden soll, ist wieder ein anderes Thema. Ganz 100%-ig lässt sich das nicht klären, aber man sollte es in jedem Fall versuchen.

Und ja, wenn ihr in Zukunft diese Begriffe irgendwo lesen solltet, dann denkt daran, wer sie zuerst verwendet hat 😉

 

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