Tischtennismaterial und Ballflugkurve

Oft wird Tischtennismaterial anhand von verschiedenen Kriterien bewertet. So erhält ein Belag Tempo-, Spin- und Kontrollwerte sowie einen Härtegrad zugewiesen. Bei Hölzern ist es ähnlich. Tempo- und Kontrollwerte, meinetwegen auch Biegefestigkeit und die Anzahl der Furniere sowie deren Art wird angegeben. Natürlich informieren wir uns vor dem Kauf eines neuen Tischtennisbelages oder gar eines kompletten neuen Schlägers ausführlich. Wir fragen unsere Vereinskollegen, testen Beläge auf deren Hölzern, suchen in Foren nach Antworten und lassen uns schließlich vom Händler unseres Vertrauens einen neuen Schläger zusammenstellen. Nach der ersten Euphorie fällt jedoch auf, dass sehr viele Bälle ins Netz gezogen werden, hinten raus gehen oder meine Topspins plötzlich ungewohnt oft geblockt oder abgeschossen werden. Aber warum. Tempo des Holzes passt, Feeling ist in Ordnung, Gewicht passt auch, Beläge haben die gleichen Werte wie die vorigen, Härte passt auch. Zudem wurde auch die gleiche Schwammstärke benutzt und trotzdem funktioniert der Schläger nicht so wie erwartet. Was nun? Damit einspielen, anpassen, neues Material testen? Aber welches? Die Suche beginnt von vorne. Aber warum scheint das passende Material doch ungeeignet, obwohl alle offensichtlichen Werte passen? Die Antwort ist, dass trotz der offensichtlichen Werteangaben eines übersehen wurde. Die Ballflugkurve. Damit ist nicht nur der Ballabsprung und Winkel aus Schläger gemeint, sondern die gesamte Flugkurve.

Erstes Erklärungsbeispiel: Tibhar Genius und Tibhar Aurus

Als der Tibhar Genius zusammen mit Belägen anderer Marken auf den Markt kam, die sowohl viel Spin als auch eine sehr hohe Flugkuve versprachen, waren alle von den Topspineigenschaften begeistert. Etwas später folgte der Tibhar Aurus. Laut Angaben des Herstellers soll dieser noch mehr Spin haben. Nach ersten Tests waren einige dieser Meinung und begeistert, andere konnten nicht verstehen, wie mit einem Aurus mehr Rotation in die Schläge kommen soll oder gar genauso viel wie mit einem Genius.

Ballflugkurve Tibhar Genius und Tibhar Aurus
Ballflugkurve Tibhar Genius und Tibhar Aurus

Der Unterschied der beiden Beläge liegt aber vielmehr in ihrem Flugverhalten. Spieler, die ihre Schläge genau wie vorher gemacht haben wurden enttäuscht, da beim krampfhaften Versuch eine ähnliche Flugkurve mit dem gewünschten Spin zu erzeugen nicht möglich war. Spieler jedoch, welche sich angepasst haben oder von ihrem Spielkonzept her bisher vom Genius eingeschränkt waren, fanden in dem Aurus ihren neuen Belag.

Ballflugkurve und Belaghärte

Es besteht ein genereller Zusammenhang zwischen der Belaghärte und der Ballflugkurve. Grundsätzlich müssen dabei verschiedene Faktoren berücksichtigt werden. Bei dieser Betrachtung sollen alle Belagwerte wie Tempo und Spin als konstant betrachtet werden. Auch das Schlägerholz ist das gleiche.

Ballflugekurve zwischen hartem und weichen Belag
Ballflugekurve zwischen hartem und weichem Belag – normale Schlaghärte
Ballflugkurve zwischem hartem und weichem Belag - extreme Schlaghärte
Ballflugkurve zwischem hartem und weichem Belag – extreme Schlaghärte

Bei normaler Schlaghärte ist der eigentliche Unterschied zwischem einem hartem und einem weichen Belag bei tangetial getroffenen Bällen nur die Fluglänge. Der Grund ist, dass beim Auftreffen des Balles auf den Schläger bei einem weichen Belag mehr Tempo verloren geht als bei einem harten Belag.

Interessant wird es donnoch erst bei harten Topspinschlägen und Schüssen. Ein weicher Belag wird sehr stark durchdrungen und kann in der kurzen Ballkontaktzeit nicht so viel Rotation aufnehmen. Mit einem harten Belag jedoch kann der Ball mit einer höheren Flugkurve den Schläger verlassen. Bei entsprechendem Armzug und Timing ist das Trefferfenster eines harten Belages viel größer als bei einem weichen Belag. Dies kehrt sich bei Anfängern um, da weiche Beläge den Ball bei geringerer Schlaghärte und Armzug eher auf die Platte bringen.

Unterschiedlicher Spin

Vergleich Viel Spin - Wenig Spin - gleiches Tempo, gleiche Härte
Vergleich Viel Spin – Wenig Spin – gleiches Tempo, gleiche Härte

Ein Belag mit besseren Spineigenschaften verlässt den Belag in einem höheren Winkel. Dadurch ist die Flugkurve höher, wird aber stärker ausgebremst. Somit bedeutet ein hoher Spinwert auch, dass eventuell ein schnelles, Temporeiches Topspinspiel oder Konter-Schuss-Spiel nicht optimal unterstützt wird, da diese Eigenschaft die Stärken eines Spielers auch ausbremsen kann. Daher sind Beläge mit den besten Werteangaben nicht immer die besten für den individuellen Spielertyp.

Einfluss des Holzes

Vergleich Allroundholz (Hart und Weich) - Offensivholz (Hart und Weich) - gleicher Belag
Vergleich Allroundholz (Hart und Weich) – Offensivholz (Hart und Weich) – gleicher Belag

Der Einfluss des gewählten Holzes ist elemantar für die Ballflugkurve eines Schlägers. Bei gleichen Belägen kann das Schlägerholz die Flugeigenschaften des Balles enorm verändern. So wird jedem klar, dass ein sehr langsames, weiches Holz in Kombination mit einem langsamen, weichen Belag sehr harmlos sein kann, egal wie viel Spin der Belag hat. Auch ein schnelles, hartes Konterspiel ist nicht mit dem Schläger aufziehbar. In einem früheren Beitrag habe ich geraten, nicht das Holz und den Belag gleichzeitig zu wechseln, damit die Ursache, falls man mit einem Schläger nicht zurecht kommt, schneller gefunden werden kann.

So genannte Topspinhölzer sind daher nicht immer für einen Topspinspieler die beste Wahl. Im Profibereich wurde eine gute Lösung gefunden. Mit der Einführung des Tenergy Belages und dessen hoher Flugkurve verschwanden die langsameren, weicheren Hölzer erst einmal komplett unter den Profispielern. Mit dem Timo Boll ALC wurde ein Holz entwickelt, wodurch die Flugeigenschaften für die Anforderungen eines Profispielers gerecht wurden.

Tenergy Ballflugkurve
Tenergy Ballflugkurve

Exkurs Chinabelag

Unter den Top-Chinesen spielen alle ausschließlich einen Chinabelag auf der Vorhand. Chinabeläge haben meist eine extrem griffige Oberfläche. Normalerweise sollte man daher vermuten, dass jeder Spieler mit diesen Belägen den meisten Spin produzieren kann. Viele erleben aber nach den ersten Trainingseinheiten Ernüchterung. Chinabeläge haben eine sehr flache Flugkurve und wenig Katapult. Um die vollen Eigenschaften nutzen zu können, muss die Geschwindigkeit und der Armzug beim Schlagen gegeben sein, sonst verhungern die Bälle. Auch muss der Treffpunkt optimal gewählt sein, da ansonsten zu viele Bälle ins Netz gezogen werden. Grundsätzlich kann man dies jedoch durch ein schnelleres Holz ausgleichen.

Offen gesprochen sind solche Beläge im Normalzustand eher eine Last als eine Tugend, da die positiven Eigenschaften von Chinabelägen nur sehr schwer genutzt werden können. Mittlerweile gibt es auch Chinabeläge, die an die Eigenschaften eines europäischen Spielers angepasst sind durch beispielsweise weichere Schwämme oder mehr Katapult.

Um nochmal auf die Top-Chinesen zu kommen. Es ist kaum wahrscheinlich, dass deren benutzte Beläge noch irgendetwas mit Kommerziell kaufbaren Belägen zu tun haben. Man sollte daher bei der Kaufentscheidung, wenn man seinem Idol Ma Long oder Zhang Jike nacheifern möchte, berücksichtigen, dass man ohne Tuning, was ja verboten ist, niemals die gleichen Spieleigenschaften mit dem gleichen Material erreicht werden kann.

Chinabelag mit und ohne Tuning
Chinabelag mit und ohne Tuning

 

Fazit

Wer seinen neuen Tischtennisschläger zusammenstellt, sollte mehr Fokus auf die gewünschten Ballflugeigenschaften setzen. Dabei müssen viele Faktoren berücksichtigt werden, neben Härte und Spin auch das gewählte Holz und vor allem die richtige Einschätzung über das eigene Spiel. Auch Schwächen können durch das gewählte Material kompensiert werden.

Interessieren könnte euch auch der Artikel Die optimale Ballflugkurve eines Tischtennisbelags.

 

 

 

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